Tom Wolfe: The Electric Kool-Aid Acid Test

Tom Wolfe: The Electric Kool-Aid Acid TestAmerika der frühen Sechziger: LSD-Experimente, San Francisco, Blumenkinder. Und eine Busreise, wie es sie nie zuvor gegeben hat und nie mehr geben wird: 1968 beschrieb der Journalist Tom Wolfe die legendäre Reise von Ken Kesey und seinen „Merry Pranksters“ in seinem „Electric Kool-Aid Acid Test“. Ein Buch, welches längst als „Neues Testament der Hip-Mythologie“ gilt.

Ken Kesey (1935-2001), dessen Roman „Einer flog über das Kuckucksnest“ besonders durch die Milos-Forman-Verfilmung mit Jack Nicholson in der Hauptrolle bekannt wurde, meldet sich Anfang der 60er als Freiwilliger für ein LSD-Experiment. Bald hielt die neue Droge vehementen Einzug in die Hip-Kreise von San Francisco, und Kesey, der das Zeug zur Führernatur hat, sammelt schnell eine Gruppe Gleichgesinnter um sich: die „Merry Pranksters“. Kesey gründet die „Unerschrockenen Reisen GmbH“, kauft für 1500 Dollar einen 1939er Schulbus, welcher in der Folgezeit als DER BUS zum Symbol des neuen, LSD-erweiterten Bewusstseins werden sollte.

Ken Kesey 1966 im Kreis der Merry Pranksters
Ken Kesey 1966 im Kreis der Merry Pranksters.

Tom Wolfe, Doktor der Amerikanistik, macht sich etwa zur gleichen Zeit einen Namen als der „heißeste Schreiber“ der New Yorker ‚Herald Tribune‘. Neben Truman Capote und Norman Mailer gilt er als der bedeutendste Vertreter des „Neuen Journalismus“, der die Grenzen zwischen erzählender Prosa und Berichterstattung aufhebt.

„Ich habe nicht nur den Versuch unternommen, zu erzählen, was die Pranksters gemacht haben“, so erklärt Wolfe in seiner Anmerkung im Buch, „sondern auch versucht, die geistige Atmosphäre bzw. die subjektive Realität des Ganzen wiedererstehen zu lassen.“ Also wühlt sich Wolfe wie ein Maulwurf in die Pranksters-Historie ein, er hört Bänder ab, sieht Filme, studiert Tagebücher und Briefe, und unterhält sich mit Dutzenden von Ohren- und Augenzeugen. Danach braucht er nur noch eines zu tun: sich seiner Sprache zu bedienen; einer turboverdichteten Prosa, die Ausrufezeichen und Doppelpunkte, Neologismen und Metaphern zu einem Konglomerat verschmilzt, das den Leser sofort fesselt.

Immer wieder tut er sich schwer, „dies unausgesprochene Ding“ (Kapitelüberschrift) zu beschreiben, die gemeinschaftliche Vision einer Gruppe von LSD-Schluckern, die auf einer Busreise quer durch Amerika sich selbst und der Welt ein Stück näherkommen wollen. Wolfe springt wie ein Derwisch von Charakter zu Charakter, lässt jeden der Reiseteilnehmer nahezu plastisch vor den Augen des Lesers entstehen: da gibt es das „Mountain Girl“ Carolyn Adams, es gibt Neal Cassady (der das Vorbild für Dean Moriarty aus Jack Kerouacs UNTERWEGS abgab), und natürlich Kesey selbst. Immer wieder Kesey. Er wird langsam zum Dämon, zum Guru. Mit sich stakkatohaft überschlagender Sprache schickt uns Wolfe mitten hinein in die LSD-Trips der Pranksters: der Leser ist AUF DEM BUS.

Merry Pranksters
Der Bus: Die Merry Pranksters auf großer Fahrt.

DER BUS. Ein psychedelisches leuchtfarbenbemaltes Ungetüm mit einem Kühlschrank, in dem immer LSD-Orangensaft steht. Gleichzeitig eine Kommunikationsmaschine: überall sind Tonbandgeräte und Mikrophone eingebaut, Kopfhörer und Verzögerungssysteme. Über die elektrische Anlage spricht jeder mit jedem, Außengeräusche werden nach innen geholt, Innengeräusche nach außen abgestrahlt. Eine Kommunikationskakophonie, die immer weiter aufgedreht wird, bis alles „synchron“ läuft, bis die „Schwingungen“ stimmen.

Doch Wolfe lässt den Leser nie wegschwimmen in einen bonbonfarbenen Lese-Trip, sondern hangelt sich immer wieder rechtzeitig in seine Chronistenrolle zurück: Die „Fiction“ wird wieder zu „Facts“. So sucht er Parallelen in der Psychoanalyse, in alten Religionen, und – steigt dann wieder in DEN BUS ein, in die Vision:

Perfekter synchronisiert / Als sie’s je zuvor gewesen, / Tief in diesem unausgesprochen Ding / Hatten sich die Pranksters jetzt formiert / Entlang der absoluten Trennungslinie: / vor dem Bus und / Nach dem Bus / Auf dem Bus oder / Runter vom Bus / eine schier pleistozäne Wasserscheide: / Warst du auf dem epochemachenden Trip dabei?

Ken Kesey: Acid Test
Dokument des Psychedelic Rock: „Acid Test“ von Ken Kesey.

Welcher Trip? Tom Wolfe spricht von „allegorischem Leben“: jede Handlung dient als „Demonstration einer Lektion in Sachen Leben“. Die Pranksters ähneln immer mehr einer Sekte, die nur noch in Riten lebt und in Allegorien spricht. 1966 flieht Ken Kesey nach Mexico, um einer Verhaftung wegen Marihuana-Besitzes (LSD war zu diesem Zeitpunkt in den USA noch nicht verboten) zu entgehen. Langsam bricht die Pranksters-Bewegung auseinander. Kesey wird schließlich doch verhaftet; nach der Haftstrafe zieht er sich auf eine Farm in Oregon zurück, wo er bis zu seinem Tod im November 2001 lebte.

Tom Wolfes „Unter Strom. The Electric Kool-Aid Acid Test“ ist sicher die umfassendste und einfühlsamste Beschreibung der Anfänge der Hippie-Ära, die es gibt. Oft liest es sich wie ein „Who’s who“ der Hippie-Bewegung: Wir begegnen Timothy Leary, Allen Ginsberg, Jack Kerouac, den Hell’s Angels und den Grateful Dead. Es ist aber auch immer wieder ein umwerfend komisches Buch: Wie etwa die Pranksters die Jahresversammlung der Unitarischen Kirche in Asimolar / Kalifornien aufmischen, ihre ständigen Zusammenstöße mit der Polizei, oder die Kapitel über Keseys Flucht nach Mexiko – all dies beschreibt Wolfe in einem herrlich trockenen Humor. In erster Linie aber ist „Unter Strom“ eine Dokumentation des „American Way Of Life“ in einer Zeit, in der alles möglich schien.

Tom Wolfe: Unter Strom. The Electric Kool-Aid Acid Test.
Die legendäre Reise von Ken Kesey und den Pranksters.
460 Seiten. Eichborn, Frankfurt 1987.

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