Jim Morrison

Jim Morrison1947, in der Wüste von New Mexico: Der vierjährige Jim Morrison kommt mit seiner Familie an einem grauenhaften Verkehrsunfall vorbei. Ein Lastwagen mit Indianern hintendrauf ist verunglückt, und auf dem ganzen Highway liegen tote, sterbende und verblutende Indianer.

Später sollte Morrison davon überzeugt sein, dass in diesem Moment die Seele eines toten Pueblo-Indianers in seinen „zerbrechlichen Eierschalen-Geist“ drängte und sein Leben nachhaltig änderte: Seinen künstlerischen Niederschlag fand das Vorkommnis später in dem Song „Peace Frog“:

Indians scattered on dawn’s highway bleeding
Ghosts crowd the young child’s fragile eggshell mind
Blood in the streets in the town of New Haven
Blood stains the roofs and the palm trees of Venice
Blood in my love in the terrible summer
Bloody red sun of Phantastic L.A.

1965, Los Angeles: Es ist der große Acid-Sommer, der Sommer der Liebe, und Jim Morrison versucht schnell, in der Hip-Szene Anschluss zu finden. Das legendäre Zappa-Groupie Pamela Zarubica (alias Suzy Creamcheese) erinnert sich: „Dieser Jim Morrison war echt zum Kotzen mit seinem theatralischen Gehabe. Der bekniete jeden, sich seine Gedichte anzuhören.“

Tatsache ist, dass Morrison bereits zu diesem Zeitpunkt einen Großteil der Doors-Songs der ersten beiden Alben geschrieben hatte; er brauchte jetzt nur noch eine Band, die er zum Medium seiner Ideen machen konnte. Er fand sie in Ray Manzarek, einem befreundeten Filmstudenten und klassischem Pianisten, der seinerseits den Drummer John Densmore und den Gitarristen Robbie Krieger für „The Doors“ gewinnen konnte, wie sich die Band nun nach einem Buchtitel von Aldous Huxley nannte.

The Doors at The Fillmore East, 1968
The Doors at The Fillmore East, 1968

Die Doors erwiesen sich schnell als ideale Begleitband für Morrison; Kriegers kompliziertes, sauberes Gitarrenspiel und Manzareks schräger Rummelplatz-Orgelsound gaben die ideale akustische Kulisse ab für die morbide, düstere, zweideutige Lyrik Jim Morrisons. Hinzu kam, dass seine drei Mitstreiter schnell begriffen hatten, dass es ratsamer für sie war, sich im Hintergrund zu halten und Morrison die alleinige Starrolle zu überlassen (tatsächlich wirkten die beiden nach Morrisons Tod veröffentlichten Album des Resttrios seltsam blutleer). Die Doors erlangten im „Whiskey-A-Go-Go“, wo sie im Jahr darauf ein Engagement hatten, sehr rasch einen lokalen Ruhm, was hauptsächlich auf die charismatische Ausstrahlung des zunehmend selbstsicher werdenden Jim Morrison zurückzuführen ist. Schon damals machte er dadurch von sich reden, dass er oft betrunken oder stoned auftrat, auch wenn das noch nichts war gegen die Ausfälle und Eklats, die er sich auf späteren Konzerten leisten sollte.

Morrison sah sich selber als Dionysier, und er schickte sich an, den Beweis für die Behauptung des von ihm bewunderten Arthur Rimbaud anzutreten, dass ein Dichter durch „andauernde, grenzenlose und systematische Desorientierung der Sinne“ zum Visionär wird. Seine Texte waren dabei zumeist eher unpolitisch, er glaubte an eine Art sanfte Revolution durch Lyrik. Ein typisches Statement:

Amerika ist aus einem Akt der Gewalt geboren. Amerikaner fühlen sich zur Gewalt hingezogen. Wie am Tropf hängen sie an aufbereiteter Gewalt, die sie sich aus Konserven zuführen. Sie sind hypnotisiert vom TV – das Fernsehen ist der unsichtbare Schutzschild gegen die nackte Realität. Die Krankheit der Kultur des 20. Jahrhunderts ist die Unfähigkeit, irgendetwas als real zu empfinden. Die Leute hocken wie gebannt vorm TV, konsumieren soap operas, Filme, Theater, Pop-Idole, lassen sich von Symbolen zu den heftigsten Gefühlsregungen hinreißen. Doch in der Realität ihres eigenen Lebens sind sie emotional tot.

Das saß, das traf Mitte der Sechziger genau den Nerv einer von Drogen, Vietnamkrieg und Hippiebewegung beeinflussten Jugend. Doch mit zunehmendem Alkohol- und Drogengenuss verschwamm auch Morrisons Fähigkeit, klare Worte zu finden, er versteckte seine Unzufriedenheit mit sich selbst und seiner Rolle als Popstar immer mehr hinter einer selbstgebrauten Philosophie, die die großen Themen Sex, Tod, Schamanismus, Nihilismus und Liebe in einen langen, ausufernden Monolog überführte, der letztlich nichts mehr aussagte. Etwa:

Ich weiß nicht, ob die Leute auf Erlösung aus sind oder von mir erwarten, dass ich sie zum Heil führe. Der Schamane aber ist ein Heiler – wie der Medizinmann. Ich sehe mich nicht als Erlöser. Der Schamane hat Ähnlichkeit mit dem Sündenbock. Ich sehe die Rolle des Künstlers als Schamane und Sündenbock. Die Leute projizieren ihre Phantasie auf ihn, und ihre Phantasien werden lebendig. Die Leute können ihre Phantasien zerstören, indem sie ihn zerstören. Ich gehe ein auf die Impulse, die jeder hat, lasse mir das aber nicht anmerken. Indem sie mich angreifen, mich bestrafen, haben sie das Gefühl, sich von diesen Impulsen zu befreien.

Jim Morrison mit Hund (Pictorial Press Ltd.)Zumindest eines wird deutlich in der abstrakten Rede, dass Morrison schon sehr bald seine Verwandlung vom Filmstudenten zum lederbehosten „Lizard King“ und männlichen Sex-Symbol der Sechziger hassen gelernt hatte: Er war durch und durch veröffentlicht, und je mehr er das Publikum wissen ließ, wie sehr er es verachtete, desto mehr liebte es ihn.

Nachdem die Doors aus dem „Whiskey-A-Go-Go“ herausgeflogen waren – Morrison trug jene berühmten Verse aus „The End“ vor, die mit „Father, I want to kill you, Mother I want to fuck you“ endeten, was für jene Zeit ein wenig zu gewagt war –, landeten sie bei Elektra und nahmen 1967 zusammen mit dem Produzenten Paul A. Rothchild ihr erstes, schlicht „The Doors“ betiteltes Album auf. Es schlug ein wie eine Bombe, wurde von der Musikpresse frenetisch gefeiert.

Doch während es für die Doors steil bergauf geht, versinkt ihr Leadsänger immer weiter im Alkohol- und Drogennebel. Die Band kann sich nie sicher sein, ob er zu Proben oder Aufnahmen auch tatsächlich erscheint; und wenn ja, ob es sein Zustand dann noch erlaubt, zu singen. Mehrfach hatte es auf Doors-Konzerten bereits Krawalle gegeben, doch den größten Eklat leistete sich Jim Morrison am 1. März 1969 in Miami. Vollkommen betrunken pöbelte er sein Publikum an und öffnete seine Hose. Als Folge des 45-minütigen Auftritts wurde er im Oktober 1970 wegen öffentlicher Entblößung und lästerlicher Rede zu acht Monaten Zwangsarbeit und 500 Dollars Geldstrafe verurteilt, kam aber gegen 50.000 Dollar Kaution frei.

Er hatte ohnehin nicht mehr lange zu leben, und er schien das zu wissen. „Du trinkst mit Nummer drei“, pflegte er seinen Saufpartnern zu sagen, nachdem er vom Tod von Jimi Hendrix und Janis Joplin erfahren hatte. Seines Image und seiner Rolle bei den Doors überdrüssig, schien ihm im Frühling 1971 Paris ein angemessener Aufenthaltsort für seine dichterischen Ambitionen. Doch schwebte ihm als Vorstellung eher das romantische Bohéme-Paris der zwanziger Jahre vor; die profane Realität ließ ihn noch tiefer in die tödliche Sucht abrutschen. Am 2. Juli wurde er in der Badewanne eines Pariser Appartements tot aufgefunden, wobei die genauen Umstände seines Todes nie geklärt wurden. Offizielle Todesursache: Herzversagen.

Diskographie:
The Doors (1967)
Strange Days (1967)
Waiting For The Sun (1968)
Soft Parade (1969)
Morrison Hotel (1970)
Absolutely Live (DoLP, 1970)
L.A. Woman (1971)
An American Prayer (1978)
In Concert (1991)
Very Best of The Doors (2007)

4 Gedanken zu „Jim Morrison

  1. Hi.
    Da wird aber etliches an lang bekannten Fakten vermißt -nur soviel :zeigt einen Zeugen, daß Morrison sich in Miami „gezeigt“ hat – das konnte damals schon keiner beweisen und das Urteil des Prozesses war unglaubwürdig und dazu nie endgültig. Ebenso die Todesursache und und und … Fakten wären besser als sich an Gerüchte dran zu hängen. Also bitte.

  2. Über die angebliche „Entblößung“ gibt es tatsächlich keine (Foto-)Beweise. Was den Tod und die Todesursache angeht, so spricht einiges dafür, dass die Darstellung von Sam Bernett in seinem Buch „The End: Jim Morrison“ zutrifft, dass Jim Morrison tatsächlich in einem Nachtclub gestorben ist. Siehe dieser Artikel unter laut.de.

  3. Es gibt keine Beweise für die Entblößungsgerüchte von Miami – weil diese Geschichte definitiv nicht stattgefunden hat. Von dem Miami-Konzert gibt es alles in allem ca. 400 Fotos, aber auf keinem ist ein Jim zu sehen, der etwas „Verbotenes“ zeigt. Falls ein solches Foto existieren würde, wäre es viel Geld wert und längst im Umlauf – deshalb halte ich die Sache für ein Gerücht.

  4. Was soll denn bedeuten, dass das von ihnen aufgeführte Zitat nichts aussagt? Meines Erachtens sagt es sehr viel aus. Eine interessante Sichtweise über Schamanismus, die durchaus zutreffend ist!

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