Die Kritiker der Elche

Bislang hatte ich den bekannten Zweizeiler „Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche“ immer Robert Gernhardt zugeschrieben – tatsächlich war es aber Bernstein. Anbei exklusiv und ungekürzt seine Erinnerungen:

elchkritiker.gif
Illustration von Hans Traxler.

ELCHE / SELBER WELCHE

Wie einem wie mir ein Zweizeiler wie der gelungen ist:

Die schärfsten Kritiker der Elche

waren früher selber welche.

In Erwägung, dass es nach so vielen Jahren an der Zeit sei, Rechenschaft abzulegen und mich auf meinen Lorbeeren auszuruhen, tu ich das auch glatt. Die Leserinnen und Leser, die schon keine Ahnung mehr und genug damit zu tun haben, sich einen Reim auf Chernobil und Tschällendscher zu machen, sollen erfahren, wie’s zu einem Zweizeiler kommen konnte – denn das ist Murphys Gesetz: Was passieren kann, passiert.

Also:

Es war in einer Winternacht mitten in den 60er Jahren auf schneeglatter Straße von Paris nach Colmar in einem VW. Ebi Brügel chauffierte, Gernhardt, Waechter und ich, Bernstein, dichteten ins Dictaphon. Und da kam’s raus.

Der Wald steht stumm und schweiget, und die Hennen gackern im voraus. Ich aber möchte im nachhinein das Wort ergreifen und die Vorgeschichte berichten, voll Mühsal, Pein und donnernder Beschwerden. Denn Zweizeiler sind gar nicht so einfach, und von nix kommt nix.

Tiere sollten es sein, die bedichtet werden sollten. Pro Tier standen nicht mehr als zwei Zeilen, gereimt, zur Verfügung. Am Anfang waren sie wüst und schwer.

Die reichsten Kritiker der Würmer

werden immer ärmer …

zu dumm!

Die schrägsten Kritiker der Würmer

werden immer dümmer?

Schrägsten ist gut. Schrägsten wird vorgemerkt. Schrägsten
ist schräger als nur schräg. Die schrägen Kritiker … nein!
Die schrägsten! Weiter:

Die wahren Kritiker der Wanzen

sind selber mies im großen ganzen.

Vom holprigen Versmaß abgesehen: stimmt das? Ich kenne Wanzenkritiker – hochanständige sind darunter.

Die meisten Kritiker der Hasen

können kaum noch einigermaßen? / über den Rasen? / grasen? / rasen? / tuten
und blasen? / in Ekstasen?

– Alles Phrasen! Aber:

Die klügsten Kritiker der Kühe

geben sich nur selten Mühe.

Hm.

Der klügste Kritiker der Kuh

bist Du!

Oder höflicher:

Der klügste Kritiker vom Vieh

sind Sie!

Die klügsten Kritiker des Tieres

sind wir es?

Das wird sich rausstellen!

Weiter, die nächsten zwei Zeilen, bitte beeilen!

Die ärgsten Kritiker der Qualle

haben sie selber nicht mehr alle.

Halt: Das war die ausgearbeitete Fassung einer Kurzschmähung aus den späten
50ern. Wie ging das? „Karl ist doof!“ – nein: „Adenauer ist
doof?“ Auch nicht. „Nierentisch ist doof“ / „Pettycoat ist
doof“ / „Elvis ist …“ nein! Ja! So ging’s: „Der Qualle ist
doof.“

DER Qualle? Musste natürlich DER QUELLE heißen – auf schwäbisch geht das so
in Ordnung:

Die ärgsten Kritiker der Quelle

haben selber nicht mehr älle.

Aber noch findet sich kein Elch in den Versen – bisher sind die Tierzeiler wortvoll, aber elchleer. Dabei sind die Elche durchaus kritisierbar. Und die Elchkritiker erst recht. Und wie! Wir wissen ja inzwischen, was von diesen
Ex-Elchen zu halten ist. Doch die Kritikfähigkeit in den 50er Jahren hatte ihre spezifischen Grenzen:

Elche, Molche, ich und du

sind tabu!

hieß es damals; und:

Elchkritik und Zoten

streng verboten!

Wer’s dennoch tut

tut selten gut.

Die heimliche Elchkritik kam auf:

Wer geht so blöde übern Hof?

Es ist der Elch, und der ist doof.

Offiziell gefordert und gefördert war das Elchlob:

Herr es ist Zeit / der Elch der ist sehr groß / legt seinen Schatten auf die Sonnenuhren / und auf den Fluren … Rilke, denn so war sein Name, musste in
diesem lyrischen Falle nur „Sommer“ statt „Elch“ nehmen und
sich Rainer Elfriede nennen – und schon ist er in der Literaturgeschichte.

Subversive Elchkritiker brachten immer wieder unter großen Gefahren elchhaltige Schmähgedichte in Umlauf:

Herr Elch ist groß

sein Hirn ist klein

und sein Verhalten

sehr gemein.

(Elvis und seine Texter haben später an diesem Kleinzeiler so ziemlich alles verändert und die Ballade „In the Ghetto“ draus gemacht – gut behauptet ist halb bewiesen.)

Es war eine finstere Zeit. Während die anderen kids mit petty-coats auf dem Kopf und Nyltesthemden in der Hose in die Heimatfilme gingen und „Anneliese“ sangen, bastelte ich in meiner Reimwerkstatt weiter.

Die dicksten Kritiker der Pferde

passen nicht mehr in die Herde.

Die ärgsten – ärgsten ist immer gut! –

Kritiker der Meise

bauen selber dauernd Scheiße.

Die meisten Kritiker der Maus,

denen schaut der Dings vorn raus.

Die größten Kritiker der Dings,

die haben doch keine Ahnung und überhaupt!

Allmählich entdeckte ich die Bauform meiner Verse. Alle waren über denselben Leisten geschlagen und vom selben Strickmuster. Die rhetorische Figur, ja die Struktur meiner Tierkritikkritik erwies sich dem analytischen Zugriff als
die alte Spruchweisheit der Steppenvölker:

Wer es sagt, der ist es selber.

Schon die spätantike Rhetorik und erst recht die frühmittelalterliche Scholastik pflegten diese Figur: Sie erkennen als Scholastikkenner und Syllogismen-Afficionados natürlich das „argumentum ad hominem“: Wenn man sachlich nicht mehr weiter weiß, wird man persönlich.

Die stärksten Kritiker der Hechte

die sind selber ganz dicke und schlechte.

Um vollends zu Rande zu kommen: Durchtrainiert im geheimen Reimen durfte ich
es zwar noch nicht wagen, den Elch zu schmähen, aber die Elchkritiker wurden
gegeißelt.

Meine These:

Wer, in der Überzeugung, so sei es recht, meint, den Elch zu diffamieren, der ist genau selber sowas von bescheuert und war früher wahrscheinlich ein Arsch. Von Arsch war’s nur ein kleiner Schritt zum Hirsch. Der war ein Hirsch! Und den Hirsch konnt ich einsparen. Das verringerte die Tierzahl und brachte Reimvorteil. Schema nun:

Kritiker der Elche

selber welche.

Dieses karge Versgerüst musste ich noch ausbauen. Der Einbau des Adjektivs machte die meisten Schwierigkeiten. Wortklang und Bedeutung sollten stimmen. Was
für Kritiker sollten es sein? Die größten? Nein, es musste ein Wort mit „ä“ sein – „schrägsten“ war schon vorgemerkt – was gab es noch mit „ä„?

Die „ä“-sten Kritiker – der „ä“-Laut drückt
immer noch am stärksten die kritische Intention aus: Ekel, Hohn und Mordlust.

Die „ä“-sten Kritiker …

Die länglichsten Kritiker der Elche

waren früher selber welche?

Zu lang.

Die längsten … noch länger;

die wählerischsten Kritiker … zu ausgesucht;

die geblähtesten … zu gebläht;

die lächerlichsten … nit komisch!

Die wesentlichsten Kritiker der Elche – besser!

Die kränklichsten … Nä!

Die erbärmlichsten? Erbarmen. Stärker!

Die … die … die Krässten? Krähsten?

Dä gräßten Krätäkär där Älche?

Das ist Musik!

tä tä tä tä tä tä tä tä tä

tä tä tä tä tä tä tä tä tä

Täterätätä!

Gegenprobe:

Dü grüßten Krütükür dür Ülche?

Nücht sü güt!

Also, halten wir fest:

Die jämmerlichsten Verehrer der Elche sind nämlich die

Lemminge.

Oder etwa nicht?

So weit, so gut. Und so wär’s auch geblieben, wäre Ebi Brügel nicht in jener Winternacht mitten in den 60er Jahren im VW von Paris nach Hause kutschiert – und dabei ist es passiert: und aus dem Bernstein sprach es:

Die schärfsten Kritiker der Elche

wären gerne selber welche.

Gernhardt zog damals gleich nach und spielte die Molche aus:

Die größten Kritiker der Molche

waren früher eben solche;

aber ich war erster, und außerdem hatten die Molchstrophen so viele „o“. Und Molchkritik – das ist ein Kapitel für sich.

(F.W. Bernstein)

20 Gedanken zu „Die Kritiker der Elche

  1. Nachtrag zum Elchbeitrag:
    Viel später hat Robert Gernhardt, eigentlich eher bekannt für seine Pferde-Schmählieder („Pferde, ich veracht‘ euch“), mit seinem „Gleichnis“ etwas geschrieben, was man nur als kaum verhüllte Elchkritik bezeichnen kann:

    Wie, wenn da einer – und er hielte
    ein frühgereiftes Kind, das schielte
    hoch in den Himmel und er bäte:
    „Du hörst jetzt auf den Namen Käthe“ –
    Wäre dieser nicht dem Elch vergleichbar,
    der tief im Sumpf und unerreichbar
    nach Wurzeln, Halmen, Stauden sucht
    und dabei stumm den Tag verflucht,
    an dem er dieser Erde Licht …
    Nein, nicht vergleichbar? Na dann nicht.

    Ach ja, und Ende 2002 hat F.W. Bernstein, der mit bürgerlichem Namen Fritz Weigle heißt, den „6. Göttinger Elch“ für sein Gesamtwerk bekommen, einen nach seinem Elchzweizeiler benannten Satirepreis, der neben 3.333,33 Euro auch 9 Dosen „Original Göttinger ELCH-Rahmsüppchen“ und eine massivsilberne ELCH-Brosche beinhaltet. Ein Preis übrigens, den Robert Gernhardt schon 1999 bekam.

  2. Irgendetwas ist an dieser Version dieser herrlichen Geschichte merkwürdig: In Bernsteins Buch „Elche, Molche, ich und Du“ steht diese Geschichte gekürzt drin. Allerdings endet sie dort so:
    „…und aus dem Bernstein sprach es:
    Die schärfsten Kritiker der Elche
    Waren früher selber welche.
    Gernhardt zog damals gleich nach und spielte die Molche aus:
    Die größten Kritiker der Molche
    Waren früher ebensolche;
    Aber ich ware erster, …“
    Das passt ja auch viel besser zum Anfang „Wie einem wie mir ein Zweizeiler wie der gelungen ist:
    Die schärfsten Kritiker der Elche
    waren früher selber welche.“
    , läßt nun aber leider offen, wo das „wären gerne selber welche“ herkommt. Kann jemand Eingeweihtes diese Differenz erklären?
    Viele Grüße – Christoph Nitsche

  3. Wo das „wären gerne selber welche“ herkommt, ist mir auch ein Rätsel, entweder es ist schlicht ein Tippfehler in dem mir vorliegenden Buch, der später in der Ihnen vorliegenden Fassung stillschweigend korrigiert wurde, oder das „wären“ war halt die erste Fassung, die dann hin zu „waren“ optimiert wurde – ob dann von Bernstein selbst oder von Gernhardt, bleibt offen. Mir ist dieser Widerspruch auch schon aufgefallen, interessant, dass er in einer späteren Fassung der Geschichte eliminiert wurde.

  4. anfang der 90. gab es eine künstlergruppe die das in ihren ausstellungen plakatierten.weiss jemand,wer das war????

  5. @taxitramp: Das war vermutlich die NEUE FRANKFURTER SCHULE (NFS), so nannte sich, anlehnend an die Frankfurter Schule um Horxheimer und Adorno, die Künstlergruppe aus dem Umfeld PARDON und TITANIC damals. Mitglieder waren u.a. F. W. Bernstein, Bernd Eilert, Eckhard Henscheid, Robert Gernhardt, Peter Knorr, Chlodwig Poth (1930-2004), Hans Traxler und F. K. Waechter (1937-2005). So Ende der 80er schmückten diese ihre Ausstellungen gerne mit dem Traxler-Plakat (siehe oben).

  6. Die größten Kritiker der Hunde
    bellen selber zu jeder Stunde
    oder…
    Die größten Kritiker der Flöhe
    springen selber in die Höhe

  7. Ich bin gerade im Zusammenhang mit dem Frankfurter Museum Caricatura über diese Seite gestolpert, in dem ja viele Werke der oben genannten Satiriker zu sehen sind. Eine schöne Geschichte zu diesem sehr berühmten Ausspruch.

  8. Ich mag den Spruch sehr, er ist so schön wahr 🙂
    Danke auch für die detailgetreue Schilderung wie es dazu kam, man kann sich die Situation, den Spaß am dichten und die Freundschaft untereinander gut nachvollziehen.

  9. Bin Elchaugenmaler
    Hab ein schönes Elchauge in Blau gemalt (100 x 180 cm). Vielleicht will’s ja jemand sehen?
    Abgesehen von Kritik hab ich mich intensiv mit Elchologie befasst und bin zu dem Schluss gekommen.

  10. Das Gedicht vom Elch gehört (soweit ich weiss) zum Zyklus „Animal-Erotika“, die in dem wunderbar bescheuerten Buch „Die Wahrheit über Arnold Hau“ (Zweitausendeins) versammelt sind (oder waren, ich hab das vor 35 Jahren mal gekauft und weiss nicht, ob es das noch gibt. Wenn ja: zugreifen!).
    Noch ne Kostprobe? Na gut:
    Die Gams erwacht‘ in fernem Forst
    und lag in einem Adlerhorst.
    Sie sah sich um und sprach betroffen:
    Mein lieber Schwan, war ich besoffen!
    Noch ’ne Zugabe wegen der jetzt überschäumenden Begeisterung seitens Deiner Leser:
    Das Birkhuhn, das die Beine spreitet,
    ein schönes Glücksgefühl bereitet.
    Die Wüstenkröte lebt im Meer,
    weil sie sonst längst verdurstet wär.
    Ich weiss noch 20 oder so auswendig, aber das muss jetzt genügen.
    Schönen Tag noch!

  11. Der Habicht fraß die Wanderratte,
    Nachdem er sie geschändet hatte.
    Der Höhlenbär, der holt sich munter,
    Einen nach dem andern runter.
    Das Birkhuhn, das die Beine spreitet,
    Ein schönes Glücksgefühl begleitet.
    Der Haubenbär spricht mit Bedacht:
    „Die Bären werden nachts gemacht.“
    Drauf stürzt er mit Gegröhle
    In seine Bärenhöhle.
    – Das nenne ich große erotische Literatur 😉

  12. Max Horxheimer = valsch. Marx Horx muss es ja wohl
    (jawoll) heissen.
    Wer holt sich einen nachm andern runter ???
    Der Hö hö hö lenbär?
    Tz, tz tz,
    Noch ein´n 2Zeiler:
    Die gams tat einen harten Schrey
    und sprang dann am Mong Blong vorbey

Kommentar verfassen