Ulrich Hölzer: E zählung

Ulrich Hölzer: E zählungKindheit und Kulte: Kölner Autor beim Umschleichen der Wirklichkeit: Ulrich Hölzers „E zählung“.

Als Korrektor, das kenne ich auch, ist man ja nur so eine Art Besenschwinger in den Texten der anderen, was einen Minderwertigkeitskomplex erzeugt, den man letztlich nur durch Schreiben von Büchern kompensieren kann. Ulrich Hölzer ist ebenfalls Korrektor und baut bereits in den Titel seines Buches einen Fehler ein (Wo ist das „r“?). Tatsächlich geht es in der „E zählung“, die eigentlich eher eine Loseblattsammlung von kleineren Texten und Reflexionen ist, am Rande auch um den Jaguar Typ E, „dieses schockgefrorene automobile Spermium“. In der Hauptsache aber geht es ums Köln der 80er Jahre, um Computer, um die Tücken des Sich-Verliebens, ums Nachtleben, um Kneipen wie das Sixpack, und, immer wieder, um Ulrich Hölzer, der als allgegenwärtiger, sanftmütiger E zähler (namenlos, oder als „Pelzer“ mehr geoutet als getarnt) einen nicht enden wollenden Monolog teils aufnimmt und weiterführt, teils auch immer wieder abgleiten lässt auf andere Ebenen, auf eine Meta-Ebene etwa, wo Sprache nur noch als Selbstzweck artikuliert wird und gleichzeitig sich selbst in Frage stellt.

Sprache killt Sprache und Sprache macht Sprache, und ein Vati-kan leuchtet Hölzer als Kind eben mehr ein als der Vatikan. Als Wirklichkeit fungiert bei Hölzer eine üppige Melange aus virtuellem Leben, Kopf- und Computergeburten, Vorgefundenem, den Neonschriften von Köln, Phantasien und Deutungen. Lange Kapitel sind den verschlungenen Pfaden der Kindheit gewidmet, hier läuft Hölzer gerade durch Profanität zu Größe auf, indem er Mythen der Kindheit zielsicher aufzuzählen, zu benennen und einzuordnen weiß, seine „innere DDR der Kindheit“, in der der knallrote Mr.-Hit-Plattenspieler seiner Schwester (mit Lautsprecher im Deckel, meine ältere Schwester hatte auch so ein Ding) der Detailliebe genauso subsumiert wird wie „Carlo’s Eisdiele“ in Leichlingen.

Telefunken Mr. Hit
Die „innere DDR der Kindkeit“: Plattenspieler „Mr. Hit“.

Minigolf, Tretbötchenfahren – Das Kind Hölzer nimmt den Leser freundlich bei der Hand und führt ihn durch eine verzauberte und versunkene Welt, um ihn in den Texten der jetzigen Zeit wieder jählings im Stich zu lassen: „Überall entdeckt man kleine verführerische Zeichen, süße Defekte, amüsante Aberrationen, und die ganze Welt im Grunde von solchen Omen perforiert, am Saum des Mädchen mit dem Minirock ein loses Fädchen (auflesen?; falsifizieren?), störrische Strähne ins Gesicht, eindeutig verschmierter Lippenstift, (…) schwarze Flocken rieseln durch den Glasfaserblick, lauter Lücken, hier wär‘ noch ein Nebensatz anzubringen, hier müsste eine Nebenstraße abzweigen …“, so deliriert und assoziiert sich Hölzer über Seiten hinweg mit deskriptorischem Eifer durch eine Welt, die chaotisch prasselnd Fehler über Fehler generiert, die er gerne mit Tipp-Ex zukleistern würde, die sich ihm immer wieder schmierig-glitschig entzieht (und er sie damit dem Leser), und die gleichzeitig doch nur die Willkürlichkeit und Zufälligkeit seiner Wahrnehmung belegt und darstellt: „Und MEINE verdammte Wirklichkeit unterstützt nicht nur alle gängigen Grafik-, Sound- und Echtweltkarten, sondern sie ist wirklich, kapiert?, wirklich wirklich, sie ist R.E.A.L.!!!“ Doch der Erzähler schlurt sich durch diese Realität wie durch die Sprache, es gibt kein Verweilen, nur heftigstes Input, dem Leser fast unverwandelt wieder entgegengeschmettert; Kulte und Kultorte als Surrogat für das, was Realität sein sollte, und Sprache als Sinn-Hide’n’seek und Wortspielplatz.

Sixpack, Köln
Kultorte als Surrogat: das Sixpack in Köln.

Aber Hölzer spielt Vexierspiele und lässt die Sprache schluren, gerade weil er sie ernst nimmt, weil er sie liebt: „Schrck – dr E is wg! Ein ntstzlichr Vrdacht stieg in mir auf …“ Dies eben an einem Morgen gesagt, an dem der Kater aufgrund des Vorabends ohnehin kaum noch Vokale zulässt. Und den Packen Realität, den er dann endlich auf seine Festplatte gebannt hat, und den wir an jedem U-Bahnhof wieder erkennen, serviert er uns letztendlich so augenzwinkernd kunstvoll, dass man es als Leser einfach nur noch hinnehmen kann, dass man fast gezwungen ist, diesem wirren oder doch zumindest mit Wirrheit kokettierenden Geist auch in die hintersten Winkelchen seiner Nerd-Alltagsziselierung zu folgen, auch in die abstrusesten Auflistungen von Modellautos oder Phantasiefußballmannschaften.

Ulrich Hölzer: E zählung
1993, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Broschur, 120 Seiten.
Bestellmöglichkeit über die Verlagsseiteneues Fenster (12,90 EUR).

3 Gedanken zu „Ulrich Hölzer: E zählung

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