TV Spielfilm: Das große Filmlexikon

tv_spielfilm_filmlexikon.jpgAls die TV Spielfilm aus der Verlagsgruppe Milchstraße Anfang der 90er Jahre erstmals auf dem Markt erschien, definierte sie den Markt der Fernsehzeitschriften, der bislang durch eher biedere Printprodukte wie Hörzu oder Gong charakterisiert war, gänzlich neu. Das Konzept, das auf einen 14-täglichen Erscheinungsrhythmus und auf einen redaktionellen deutlichen Schwerpunkt auf Spielfilme setzte, war von der ersten Minute an erfolgreich und wurde schnell von anderen Verlagen kopiert.

Allerdings bleibt „TV Spielfilm“ das Original und bringt seit über 15 Jahren einen Hauch von Hollywood in Deutschlands Fernsehstuben. Als Abonnent der ersten Stunde oute ich mich hier gerne als Fan der Zeitschrift, die zwar zielgruppengerecht mainstreamig einherkommt, jedoch in ihren Kommentaren speziell bei den Verrissen immer mal wieder eine fast subversive Kreativität aufblitzen lässt. Das Punktesystem, das jedem Film die gleiche Wertemaske aus „Humor“, „Anspruch“, „Action“, „Spannung“ und „Erotik“ überstülpt, ist zwar wenig zielführend (wie genau unterscheidet man etwa Action und Spannung?), auf den bilanzierenden Daumen, der recht oft zur Seite und ansonsten nach oben oder nach unten zeigt, ist allerdings zumeist Verlass, ebenso auf das launige Ein-Satz-Fazit, das einen James-Bond-Film schon mal mit „Man ist nicht gerührt, aber geschüttelt“ zusammenfasst oder der Italowestern-Gurke „Der Gefürchtete“ süffisant den Alternativtitel „Der Belächelte“ verpasst.

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„Das große Filmlexikon“: geballte Kompetenz aus der TV-Spielfilm-Redaktion.

Quasi in geronnener Form gibt es das Fachwissen der TV-Spielfilm-Redaktion seit einiger Zeit auch als „Das große Filmlexikon“, 6 Bände im schmucken Schuber, über 6.800 Filme auf 3.840 Seiten, erschienen im area verlag. Das bessere Angebot ist allerdings die CD-ROM-Version, erschienen in der Reihe Digitale Bibliothek von Directmedia, die die bekannten Vorteile digitaler Lexika mit sich bringt: einfache und schnelle Suchmöglichkeiten, übersichtliche Auflistung nach selbstgewählten Kriterien.

Was erwartet einen? Zunächst sollte gesagt werden, was „Das große Filmlexikon“ nicht ist: nämlich illustriert. Es gibt genau null Bilder anzusehen. Ferner wurde auf eine Bewertung der Filme nach Punkten, Sternen oder was auch immer verzichtet, was zu begrüßen ist, denn naturgemäß fanden ausgesprochene Gurken erst gar nicht Eingang in den erlesenen Kanon, der mehr als 90 Jahre Filmgeschichte umfasst: Das älteste verzeichnete Werk ist der Stummfilmklassiker „Cabiria“ von Giovanni Pastrone aus dem Jahr 1914, die letzten Einträge sind Blockbuster aus 2006 wie „Mission Impossible 3“. Auch wenn die Auswahl von 6.800 Filmen auf den ersten Blick groß erscheint, liegt es in der Natur der Sache, dass viele durchaus nicht unbedeutende Filme unter den Tisch fallen – immerhin verzeichnet bereits die deutschsprachige OFDb Online-Filmdatenbank weit über 100.000 Filme.

Die Auswahl der Filme orientiert sich allerdings zum Glück nicht nur am Bekanntheitsgrad der jeweiligen Produktion, ein großes Gewicht wurde auf die filmhistorische Würdigung von Klassikern gelegt, so dass hier nicht nur die üblichen Verdächtigen wie „Nosferatu“ oder „Metropolis“ auftauchen, sondern auch vergessene Schätzchen wie etwa Fritz Langs „Der müde Tod“ von 1921. Trash-, Horror- und Exploitationfans kommen weniger auf ihre Kosten, unter dem Stichwort „Frankenstein“ finden wir zwar den Klassiker von James Whale sowie immerhin zwei der insgesamt vier Fortsetzungen, nämlich „Frankensteins Braut“ und „Frankensteins Sohn“, die komplette Frankenstein-Reihe der Hammer Studios aus den 50er bis 70er Jahren mit Peter Cushing fällt hingegen unter den Tisch. Bei George A. Romero findet man zwar immerhin drei seiner vier Zombiefilme („Day of the Dead“ fehlt), nicht aber seine ebenso wichtigen und wegweisenden Klassiker „Crazies“ und „Martin“. Dass Trash-Ikone Jess Franco für das Filmlexikon schlichtweg nicht existiert, mögen manche noch mit Erleichterung aufnehmen, wenig verzeihlich ist hingegen die komplette Abwesenheit sowohl des französischen Kultregisseurs Jean Rollin als auch des Giallo-Gottes Dario Argento. Insgesamt ist die Auswahl jedoch ausgewogen und als gelungen anzusehen.

Zum Inhalt (der übrigens nicht identisch ist mit dem des etwas oberflächlicher gestalteten Filmlexikon von TV Spielfilm, das online zu finden ist) ist eigentlich nur Gutes zu sagen: Unter dem Titel findet man zunächst die nackten Filmdaten, also Herstellungsland und -jahr, Regie, Drehbuch, Kamera, Musik, Produktion, Länge und eine Liste der Hauptdarsteller. Der eigentliche Texteintrag wirkt stets kompetent und stellt zumeist eine gute Mischung aus Inhaltsangabe, Kritik und Hintergrundinformationen dar. Nur manchmal verhaut sich die Redaktion etwas, Tobe Hoopers anerkanntes Genre-Meisterwerk „Blutgericht in Texas“ („The Texas Chainsaw Massacre“) etwa wird als „Blut- und Gewaltorgie“ und als „höchst fragwürdiger und zudem wenig progressiver Beitrag zum Genre des Horrorfilms“ beschrieben, was einen angesichts des eher blutarmen Klassikers bezweifeln lässt, ob ihn die Redakteure wirklich gesehen haben.

Die CD-ROM lässt sich vollständig auf die Festplatte kopieren und ihr Inhalt erschließt sich mit der bewährten Digibib-Oberfläche, auf der sich alle Bände zusammenfassen lassen. Es gibt, natürlich, eine Volltextsuche, darüber hinaus lässt sich der Inhalt in Tabellenform darstellen, so dass eine schnelle Sortierung etwa nach Jahr oder nach Regisseur möglich ist. Das Register bietet außerdem Zugriff nach Originaltitel, deutschem Titel oder Regisseur. Insgesamt erhält man mit dem Filmlexikon ein wirklich nützliches Standardwerk zu einem reellen Preis, das durch seine Ausgewogenheit und Kompetenz besticht.

TV Spielfilm: Das große Filmlexikon.
Area 2006, 6 Bände, 3.840 Seiten
Digitale Bibliothek 2006, CD-ROM (PC und Mac)

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