Lawrence: The Absence of Blight

Lawrence: The Absence of BlightAngesichts so vieler entgegengesetzter Schulen, überlebter Stile und sich widersprechender Schreibweisen gibt es keine humane Musik, die dem Verzweifelten Vertrauen einflößen könnte. Da greifen die Stimmen der unendlichen Natur ein.
(Olivier Eugène Prosper Charles Messiaen)

Lawrence liebt nach eigenem Bekunden die filmischen Werke von Claude Sautet, Musik von Olivier Messiaen und Bücher von Flann O’Brian. Und in die nebeligen, kargen und gleichzeitig warmherzigen Welten des irischen Schriftstellers fühlt man sich auch ein wenig versetzt bei Lawrence‘ zweitem Album „The Absence of Blight“.

Mit unendlich viel Gefühl rollt Lawrence, der eigentlich Peter Kersten heißt und im malerischen Lüneburg zu Hause ist, wo er das kleine, aber feine Plattenlabel Dial Records mitgründete, seine Beeps, Blonks und Blips zu einem Klangteppich aus, der von zumeist molllastigem Keyboardwabern abgefedert wird. Das ergibt eine Grundstimmung ähnlich der monochromen und reizarmen, aber ästhetisch stimmigen Landschaftsimpressionen im Cover-Booklet: melancholisch und zurückhaltend, aber nie theatralisch düster. Denn hört man genau hin, hüpft, blubbert und zischelt es an allen Ecken und Enden, ähnlich wie bei den bewegten „Kangmei“-Klängen von The Modernist.

Der Tonkünstler – so darf man hier wohl sagen –, der schon zu der letzten Maxi des Depeche-Mode-Mitglieds Martin L. Gore „Loverman“ einen herausragenden Remix des Klassikers „Das Lied vom einsamen Mädchen“ beigesteuert hatte, hat gegenüber seinem letzten einfach „Lawrence“ betitelten Erstling einen großen Sprung gemacht, die Soundstrukturen, die dort noch skizzenhaften Entwurfscharakter hatten – entsprechend hatten die Titel keine Namen –, haben sich weiterentwickelt zu in sich geschlossenen Tracks, wobei Titel wie „Winter Green“ oder „Shelter“ die Marschrichtung der Assoziationen markieren. Es ist ein perfekter Soundtrack für die nass-kalt-klamme Zeit, zum Einkuscheln in die Decke und Cocooning, ohne dass mangelnder Hipnessfaktor befürchtet werden müsste: In den Loungebars und Danceclubs, den Wohnzimmern der Unbehausten, ist Lawrence ohnehin zu Hause.

Musikalisch ist das schwer zu orten – Lawrence‘ strukturiert verschachtelte Vorgehensweise rekurriert auf frühe Loop-Werke Brian Enos ebenso wie auf aktuelle Einflüsse der minimalistischen Techno-Szene. Was in diesem Fall nicht in Sequenzer-Meterware endet, sondern Kompositionen evoziert, denen man mit immer gelösterem Empfinden anmerkt, dass den praktischen Umsetzungen, wie ein Ton den nächsten ablöst, auch konkrete Überlegungen vorausgegangen sind.

Durchdacht, aber nicht kopflastig.
Lawrence: The Absence of Blight
CD, 2003, KOMPAKT / Dial

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