Jan und Griet

Jan und Griet (nach einem Aquarell von Josef Passavanti)Mit ihren weizenblonden Zöpfen war Griet wirklich eine Schönheit. Ihr rosiger Teint und die strahlenden Augen passten wunderbar dazu. Jan ließ den Eimer mit Futter für die edlen Pferde des Guts Schlenderhan sinken und blickte der hüftenschwingenden Magd noch lange nach. Wenn sie nur ihre Nase nicht so hoch tragen würde! Jan hatte Griet schon hundertmal gefragt, ob sie ihn am Wochenende zum Tanzen auf den Dorfplatz begleiten wollte. Das idyllische Dörfchen Büttgen hatte trotz Kriegswirren nicht von dieser schönen Sonntagstradition abgelassen. Aber Griet lachte jedes Mal nur glockenhell auf: „Mit dir, Jan? Was denkst du nur? Glaubst du, dass mir deine dunklen Augen und deine kräftigen Hände genügen? Was ich brauche, das ist ein feiner Herr. Das entspricht mir wohl. Einer, der nicht in Diensten steht. Jemand, der mir etwas bieten kann!“

„Aber Griet“, lachte Jan zurück, „vielleicht komme ich ja eines Tages auch mal zu einem kleinen Anwesen und ein paar eigenen Pferden. Vielleicht magst du es dann doch leiden, wenn dich ein paar kräftige Hände um die Taille fassen.“

Jan war tatsächlich ein ausnehmend hübscher Bursche. Das fand auch Griet. Aber sie hatte es sich nun einmal fest vorgenommen. Sie wollte einmal etwas Besseres als ihre Eltern, die in einem heruntergekommenen Häuschen am Stadtrand hausten. So ging einige Zeit ins Land. Die marodierenden Truppen überzogen während des schier ewig dauernden 30-jährigen Krieges die Dörfer und hinterließen verbrannte Erde. Die Sorgen der Bauern um ihr Hab und Gut war groß und als Knecht stand man jeden Morgen auf und wusste nicht, ob man am Abend noch seine Arbeit hatte. Jan war nervös. Er war nicht dazu geboren, sich mit dem Schicksal abzufinden. Er wollte kein Opfer sein. Doch was konnte er tun? Da kam ihm eines Tages der Krieg aus einer vollkommen anderen Perspektive zur Hilfe.

„Höret, ihr braven Leut, und vernehmet, was der hohe General der spanischen Truppen, der hochwohlgeborene Señor Spinola, zu verlauten gibt: Wer jung ist und den Kampf nicht scheut, der möge sich morgen pünktlich zur sechsten Abendstund im Soldatenlager vor dem Tor auffinden. Sodann wird es ein Mustern geben und wem die Gnade widerfährt, dass er den Obristen gefallen sollte, dem winken Ehr und Ruhm in der Schlacht!“

Ein Durcheinanderreden und -diskutieren hob an unter den jungen Burschen auf dem Dorfplatz. „Was habe ich denn zu verlieren?“, platzte es aus Jan heraus. „Mein täglich Brot ist mir bei der Armee sicherlich gewiss!“ Sprach’s und stürmte los, um seine Sachen aus der ärmlichen Knechtskammer zu holen. Der Bauer winkte müde ab, als Jan sich verabschiedete. Er hatte andere Sorgen.

Und Griet? Im ersten Augenblick dachte Jan spontan daran, sie zu suchen und ihr wenigstens einen Kuss auf den Mund zu drücken. Sollte sie doch denken, was sie wollte. Vielleicht würde er nie wiederkehren aus dem Krieg! Doch dann schüttelte er seinen Kopf und drehte sich nicht mehr um, bis der Hof ganz hinter dem Hügel verschwunden war. Tapfer marschierte er auf das Soldatenlager zu. Griet würde ihn sowieso nicht vermissen.

27 Jahre später

Jubelnd standen die Kölner Bürger am Severinstor. Die Nachricht vom Fall der Festung Ehrenbreitstein und der bevorstehende Besuch des berühmtesten Reitergenerals, den Tillys Truppen zu bieten hatten, versetzte sie in eine euphorische Stimmung. Zu lange schon hatten sie unter diesem verdammten Krieg gelitten.

Schild an der Severinstorburg, Köln
Schild an der Severinstorburg, Köln.

Auch Griet war einigermaßen aufgeregt. Die langen Haare waren längst nicht mehr so glänzend wie in ihrer Jugend und die Ehe mit einem mürrischen Apfelbauern hatte sie all die Jahre nur mühsam ertragen. Acht Kinder hatte sie ihm geboren, von denen allerdings nur zwei am Leben blieben.

Jan von WerthAch, das Leben war nicht gerecht zu unserer schönen Griet gewesen! Manche Nacht hatte sie wach gelegen und an die liebevollen Blicke Jan von Werths gedacht, der eines Tages so plötzlich aus ihrem Leben verschwunden war. Jan, der sie so gerne zum Tanzen geführt hätte. Ja, der hatte sie wirklich gern gehabt damals. Und sie ihn im Grunde ihres Herzens auch. Sie war nur so verbohrt und hochtrabend gewesen. Was Besseres hatte sie gewollt. Jetzt saß sie hier am Fuße des dunklen Tores der mächtigen Stadtmauer und verkaufte die Äpfel vom Hof ihres Mannes. Manchmal wurde sie von Bettlern und Wegelagern bedrängt, die ihr einige der Äpfel stahlen, und dann gab es jedes Mal ein Heidentheater mit ihrem Mann. Die Ankündigung des Einzugs des großen Jan von Werth hatte Griet sehr verwirrt. Die Schilderungen über diesen Mann hatte sie all die Jahre verfolgt. Seine zahlreichen Siege und seine Tapferkeit wurden in ganz Deutschland gerühmt. Und mit jeder Beschreibung wurde es Griet immer deutlicher: Das konnte eigentlich nur ihr Jan sein. Und heute würde sie ihn wiedersehen! Ob er sie wohl erkennen würde? Sollte sie ihn ansprechen? Oje, die arme Griet war ganz aus dem Häuschen.

Brunnen, Alter Markt, KölnUnd da zog auch schon der Herold ein und verkündete mit einem durchdringenden Trompetenstoß die Ankunft des edlen Generals von Werth, Kommandeur der Kavallerie unter Tilly, Gewinner der Schlacht von Ehrenbreitstein! Stolz seinen federgeschmückten Hut zum Gruße schwenkend zog Jan durchs Tor. Griet fühlte ihr Herz bis zum Hals klopfen. Es war Jan, ihr Jan. Er hatte sich kaum verändert. Nur ein bisschen grauer war er geworden. Aber die dunklen Augen waren gleich geblieben. Und nun blickten sie diese Augen direkt an. Eine Schrecksekunde lang hielt Griet den Atem an. Doch! Er hatte sie erkannt. Schüchtern senkte sie den Blick. Ihre Hände zitterten. Ihr Busen bebte.

„Griet, wer et hätt jedonn!“, flüsterte Jan, sich zu ihr herunterbeugend.
Griet wurde ganz übel. Ihr war schwindelig und sie fühlte sich hundeelend.
„Jan, wer et hätt jewoß!“, stieß sie atemlos hervor.*

Sie blickten sich tief in die Augen und vergaßen die jubelnden Kölner um sich herum. Doch mit einem Ruck wendete sich Jan wieder seinem Pferd zu und trieb es, ohne noch einmal zurückzublicken, durch das mächtige Tor in die Stadt.

Jan und Griet haben sich nie wieder gesehen.

* Für Nicht-Kölner: „Griet, hättest du es doch getan!“ – „Jan, hätte ich es gewusst!“

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