John Maxwell Coetzee: Nobelpreisrede

Gemein: Engländer entführen unsere Enten!
Mit wachsender Bestürzung habe ich heute die Nobelpreisrede von John Maxwell Coetzee gelesen. Unter anderem ging es um Enten bei Lincolnshire:
„Das Sumpfland beherbergt auch viele andere Vögel, schreibt sein Mann, Enten und Stockenten, Krickenten und Pfeifenten. Um die zu fangen, züchten die Leute vom Sumpfland zahme Enten, die sie Lockenten nennen.“


So weit so gut – sollen die doch in ihren Sümpfen mit ihren Enten machen, was sie wollen. Jetzt kommt aber der Hammer:
„Diese Lincolnshire-Lockenten, schreibt sein Mann, werden in Fangteichen gezüchtet und durch Handfütterung zahm gehalten. Wenn dann die rechte Jahreszeit da ist, werden sie ins Ausland, nach Holland und Deutschland, geschickt. In Holland und Deutschland treffen sie sich mit anderen ihresgleichen, und wenn sie sehen, was für ein elendes Leben diese holländischen und deutschen Enten fristen, weil ihre Flüsse im Winter zufrieren und ihre Äcker mit Schnee bedeckt sind, versäumen sie nicht, ihnen in einer Art Sprache, mit der sie sich verständlich machen, mitzuteilen, dass es in England, wo sie herkommen, ganz anders ist: Englische Enten haben Küsten, die ihnen genug sättigende Nahrung bieten, Gezeiten, die ungehindert in die Flüsse hinein strömen; sie haben Seen, Quellen, offene Teiche und geschützte Teiche; auch Äcker voller Körner, die von den Ährenlesern liegen gelassen wurden; und keinen Frost oder Schnee, oder nur ganz wenig.
Durch diese Angaben, schreibt er, die ganz in der Entensprache gemacht werden, ziehen die Lockenten riesige Scharen Wasservögel an und entführen sie sozusagen. Sie führen sie von Holland und Deutschland übers Meer und lassen sich mit ihnen auf den Fangteichen im Sumpfland von Lincolnshire nieder, wobei sie unablässig in ihrer Sprache quaken und schnattern und ihnen sagen, das seien die Teiche, von denen sie ihnen erzählt haben, wo sie ruhig und sicher leben sollen.
John Maxwell Coetzee
John Maxwell Coetzee weiß Erschreckendes über die Entenjagdmethoden der Engländer zu berichten.
Und während sie damit beschäftigt sind, kriechen die Entenfänger, die Herren der Lockenten, in Verstecke, die sie im Sumpfland aus Ried errichtet haben, und werfen aus der Deckung heraus Körner aufs Wasser; und die Lockenten folgen ihnen und ziehen ihre ausländischen Gäste nach. Und so führen sie ihre Gäste in zwei oder drei Tagen immer enger werdende Wassergräben hinauf und rufen ihnen die ganze Zeit zu: Seht doch, wie gut wir in England leben!, bis sie an einen Ort kommen, wo man Netze aufgespannt hat.“
Den nächsten Absatz erspar ich euch, da er explizite Schilderungen von Gewalt enthält – ganz Hartgesottene können es ja hier nachlesen. Aber: „Die Lockenten werden gestreichelt und gelobt.“ Ich bin für den sofortigen Abbruch aller diplomatischen Beziehungen zu England.
Nobelpreisrede von John Maxwell Coetzee, 7. Dezember 2003:
http://nobelprize.org/literature/laureates/2003/coetzee-lecture-g.html

Ein Gedanke zu „John Maxwell Coetzee: Nobelpreisrede

  1. Wirklich der Hammer was Coetzee da bringt. Aber die Engländer sind ja bekannt für eine gewisse „Arroganz“ – man sollte das also durchaus mit einem Schmunzeln betrachten 😉

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