Brian Moore: Die einsame Passion der Judith Hearne

Brian Moore: Die einsame Passion der Judith HearneEinfühlsame Fallstudie und Manifest der Verzweiflung: Brian Moores 1955 entstandener erster Roman „Lonely Passion Of Judith Hearne“ hat bis heute nichts von seiner Faszination eingebüßt.

„Das erste, was Miss Judith Hearne in ihrem neuen Logis auspackte, war die Fotografie ihrer Tante im Silberrahmen.“ Zum Foto der Tante kommt das Bild von Herz Jesu. Der Eindruck spießig-behaglicher Geborgenheit bricht erst zwanzig Seiten später zum ersten Mal, beim morgendlichen Blick in den Spiegel: „Trügerisch verwandelte ihr Blick sie gemäß ihrer Vorstellung, veränderte den Umriss ihres fahlhäutigen Gesichts, bildete geschickt die lange spitze Nase um, an der eine kleine kalte Träne hing. (…) Ihr Körper, reizlos wie ein billiger Kleiderständer, füllte sich jetzt mit weichen Rundungen aus, entwickelte eine zarte Linie zum Busen hin. Sie betrachtete den Spiegel, eine reizlose Frau, die sich zur köstlichen Illusion von Schönheit verwandelte.“

Nach und nach enthüllt sich Judith Hearne dem Leser als eine unzufriedene Frau, die ihre Jugend in der Pflege ihrer Tante aufgeopfert hat, und nun verzweifelt versucht, noch etwas von Glück oder Sinn für ihr Leben zu erhaschen.

James Madden, nach einem desillusionierenden Amerika-Aufenthalt nach England zurückgekehrt, lebt in der gleichen Pension. Dem Leser stellt er sich als spießiger Versager dar, der gerne mal einen saufen geht und wenig Ansprüche an sein Leben stellt. Im Mikrokosmos einer Pension im verregneten, tristen Belfast der 50er Jahre erscheint er Judith Hearne allerdings als hehre Lichtgestalt, als Mann von Welt. Sie verliebt sich in ihn. Als sie erfährt, dass ihr bewunderter Geschäftsmann „aus der Hotelbranche“ in Wirklichkeit nur Portier war, bricht für sie eine Welt zusammen. Und der Leser erfährt: Judith Hearne ist Alkoholikerin, seit einem halben Jahr trocken. Sie wird rückfällig. Das vorher sorgsam aufgebaute Bild der netten, adretten Dame mittleren Alters bröckelt immer mehr auseinander. Ich bin verkommen, einfach eine nutzlose allein stehende Frau, so tadelt sie sich nach einem Alkoholexzess selbst. Die Liebesenttäuschung führt unter solchen Vorzeichen zur persönlichen Katastrophe: überzeugt davon, dass jener Madden ihr letzter Schlüssel zum Glück gewesen wäre, seziert sie nach und nach ihr Leben auf alle sinnstiftenden Elemente hin. Es beginnt eine grausame Selbstdemontage, innerhalb der sie alle ihre Freunde und Bekanntschaften als platt, verlogen und oberflächlich entlarvt. Selbst Gott, Tröster in tausend formalistischen Gebeten, muss in dieser Stunde der Wahrheit versagen.

Der junge Brian Moore
Brian Moore, ca. 1955.

Meisterhaft schildert Brian Moore die Diskrepanz zwischen der zunehmenden Verzweiflung seiner Protagonistin und der Gleichgültigkeit ihrer Umwelt, die lediglich eine sich etwas ungehörig benehmende ältere Dame zu erkennen glaubt, die noch schrulliger ist als sowieso schon angenommen. Ausgebrannt und leer findet sich Judith Hearne schließlich in einem Altenpflegeheim wieder. Sie resigniert:

„Schwester, würden Sie mir einen Gefallen tun?“
„Gewiß, Miss Hearne.“
„In meinem Koffer dort sind zwei Bilder. Es ist so schmucklos hier. Wenn ich noch ein Weilchen bleibe, würde ich sie gerne aufhängen.“

So trostlos und armselig das Leben auch ist, das hier beschrieben wird, schimmert doch immer wieder etwas von Wärme und Humor des großen Humanisten Moore durch: besonders deutlich wird das an den Randfiguren des Romans – Liftboy, Spirituosenverkäufer und die anderen Pensionsbewohner – deren eigene Sorgen und Freuden mit viel Liebe geschildert werden, wozu Moore kurzerhand in ihre Erzählperspektive schlüpft. „Die einsame Passion …“ ist somit ein breites, lebendig dargestelltes Panorama der gesellschaftlichen Gegebenheiten im Irland der fünfziger Jahre.

Brian Moore: Die einsame Passion der Judith Hearne
1955, Diogenes Verlag (1998), 319 Seiten.

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