Barbara Vine: Die im Dunkeln sieht man doch

Barbara Vine: Die im Dunkeln sieht man dochIn ihrem Roman „Die im Dunkeln sieht man doch“, für den sie 1986 den Edgar-Allan-Poe-Preis erhielt, beschreibt Barbara Vine – vielen besser bekannt als Ruth Rendell -, die Lebensgeschichte von Vera Hillyard, einer der letzten Frauen, die in England gehenkt wurden. Minutiös seziert Barbara Vine die Entwicklung einer Frau, deren Netz aus ritualisierten Lebenslügen nur noch Mord als Ausweg zulässt.

Viele Jahre nach Vera Hillyards Hinrichtung recherchiert der Biograph Daniel Stewart ihren Fall. Grund für Veras Nichte Faith, ihrerseits lang verdrängte Erinnerungen zu reaktivieren: Erinnerungen an zwei Frauen, die, während in Deutschland der 2. Weltkrieg tobt, ihr Leben in einem kleinen englischen Dorf sanft und ereignislos dahinplätschern lassen. Vera und ihre jüngere Schwester Eden kultivieren ein viktorianisch strenges, fast asketisch anmutendes Weltbild, welches die kleine Faith lange Zeit für das Maß aller Dinge hält. Erst mit den Jahren zeichnet sich hinter der Fassade aus five o’clock tea, Nähen, Sticken und Radiohören ein Geflecht von Intrigen und Eifersüchteleien ab, welches sich schließlich als tödliche Falle entpuppt.

Es ist schon erstaunlich, was Barbara Vine aus dieser an sich recht einfachen Story zu machen versteht: Virtuos erweckt sie die verschiedenen Charaktere der Familie zum Leben, entwickelt ein dichtes Bild innerfamiliärer Beziehungen und Abhängigkeiten. Leichtfüßig springt sie dabei immer wieder zwischen Gegenwart – die Familie hat sich inzwischen in alle Winde zerstreut – und Vergangenheit, zwischen persönlichen Erinnerungen, Briefen und Kapiteln der fiktiven Daniel-Stewart-Biographie hin und her. Mit psychologischem Feingefühl zeigt sie die Zwangsläufigkeit auf, mit der das Gefüge von verlogener Moral und gegenseitiger Geheimniskungelei in die Katastrophe führt. Und obgleich der Leser von der ersten Seite an weiß, dass die Geschichte mit einem Mord enden wird, werden die überraschenden Opfer-Motiv-Zusammenhänge dennoch erst auf den letzten Seiten deutlich (weswegen sie hier auch nicht verraten werden sollen).

„Die im Dunkeln sieht man doch“ ist sicher auch eine Abrechnung mit der Verlogenheit bürgerlicher Ideale, wenn diese nur noch als inhaltsentleerte Schablonen fungieren: Vera Hillyard hat sich und ihr Weltbild in der Sekunde des Mordes aufgegeben und wartet von da an nur noch apathisch auf den Tod. Vor allem aber ist es eine fesselnde Familiensaga, aus der der Leser erst auf den letzten, nüchtern rapportierenden Seiten wieder entlassen wird.

Barbara Vine: Die im Dunkeln sieht man doch
1988, Diogenes-Verlag Zürich, Roman, 368 Seiten.

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