Albert Goldman: John Lennon – Ein Leben

Er hat einige der besten Songs der Rockgeschichte geschrieben und war gefürchtet als jähzorniger Schläger. Die Biographie von Albert Goldman befasst sich vor allem mit den Schattenseiten von John Lennon.

Albert Goldman: John Lennon - Ein LebenDas letzte Foto von Lennon ging Ende 1980 durch alle Zeitungen und ist vielen unauslöschbar in Hirn und Herzen haften geblieben: John Lennon, die markante Adlernase spitzer denn je, das Haar wie zu seinen Rock’n’Roller-Zeiten nach hinten gekämmt, signiert seinem Mörder Mark David Chapman „Double Fantasy“, Lennons letzte Schallplatte. Unterdessen sind fast zehn Jahre vergangen, und längst thront Lennon hoch oben im Himmel der ewigen Pop-Idole, direkt neben Janis Joplin, Jim Morrison, Brian Jones, Jimi Hendrix und einigen mehr. Kann man ihn dort nicht einfach in Frieden ruhen lassen? Anscheinend nicht. Der ehemalige Englischprofessor Albert Goldman, der auch schon Elvis Presleys Leiche fledderte, lässt kaum ein gutes Haar an dem berühmten Pilzkopf.


Bereits das erste Kapitel, „Morgensniff“ betitelt, ist starker Tobak: Genüsslich beschreibt Goldman einen „typischen“ Tag im Leben der Lennons Ende 1979. John Lennon erscheint dem Leser als abgemagerter Einsiedler, der sich in den Marihuana-Nebel einer besseren Welt flüchtet und sich vorzugsweise splitternackt durch sein Nobel-Appartement im New Yorker „Dakota“ bewegt. Seine Frau Yoko derweil lässt sich Heroin für 5000 Dollar die Woche bringen („John darf es nie erfahren!“) und gibt, chronisch am Telefon hängend, die Parodie einer erfolgreichen Geschäftsfrau ab. Das Vorzeigepaar der Peace-Generation, so Goldman, sieht sich täglich nur ein oder zwei Stunden, ansonsten gehen beide in aller Ruhe ihren individuellen Untergangsentwürfen nach, Yoko fixend, John in autistischer Introvertiertheit.

Nach diesem stillen Horrorgemälde fängt Goldman ganz von vorne an: am 9. Oktober 1940, dem Geburtsdatum Lennons. In an Pedanterie grenzender Akribie lässt er vor dem Leser Lennons Lebensstationen Revue passieren: Die unglückliche, elternlose Kindheit, das erste Treffen mit Paul McCartney, die Zeit in Hamburg, die Entdeckung durch Brian Epstein, die Beatlemania, die psychedelische Phase, die Auflösung der Beatles, die Bed-Ins, die Plastic Ono Band, die Los-Angeles-Zeit mit seiner Geliebten May Pang bis hin zu einem sorgsam erstelltem Psychogramm seines Mörders. En detail erfahren wir, wie sich etwa die Beatles in Hamburg nur mit „Prellies“ (dem Aufputschmittel Preludin) nächtelang auf der Bühne des legendären Star-Clubs wachhalten konnten. Leseprobe:

Sex war nur eine der Annehmlichkeiten, die den Beatles umsonst geboten wurden. Hinzu kamen Getränke, in denen der ganze Bezirk nur so schwamm. Kästen mit Bier und Sekt wurden direkt vor die Bühne gestellt in der stillschweigenden Erwartung, dass die Musiker das Zeug vor den Augen ihrer lächelnden Gönner runterkippten. Zur Zeit des Todes seiner Mutter hatte John damit gedroht, ein Säufer zu werden. Jetzt war er auf dem besten Wege dorthin. In Hamburg soff er wochenlang, ohne je nüchtern zu werden. Er lernte, alles Lebensnotwendige im betrunkenen Zustand hinzukriegen: essen, vögeln, die Saiten seiner Gitarre wechseln.

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Die Beatles in Hamburg. V.l.n.r.: John Lennon, George Harrison, Paul McCartney, Pete Best.

Seine Geldsorgen bekämpfte Lennon, so weiß es Goldman, indem er britische Seeleute überfiel und ausraubte. Einer dieser Angriffe hätte besonders schwer auf seinem Gewissen gelastet. Er hätte den Mann derart zusammengeschlagen, dass er fürchtete, ihn getötet zu haben. Später, so berichtet Goldman, als die Beatles auf dem Höhepunkt ihres Ruhmes waren, unterhielten sie einen ganzen Stab von Mitarbeitern, deren Aufgabe es war, möglichst diskret Drogen und Groupies in die Hotels einzuschleusen und nach außen hin das von Brian Epstein propagierte Image der netten Jungs von nebenan hochzuhalten.

Sofern Goldman nicht in der Auflistung von Exzessen schwelgt, driftet er gerne, Johns Innenleben beschreibend, in unfreiwillig komische Metaphorik ab: „Als er den Vertrag mit dem Teufel unterschrieb, ging er wie selbstverständlich davon aus, den Teufel betrügen zu können, indem er die Freuden des Erfolgs genoss, seine Seele dabei jedoch für sich zurückbehielt. Er fand bald heraus, dass er sich selbst überlistet hatte.“

Wir lernen John Lennon kennen als zumeist total fremdgesteuerten Charakter (Goldman: „Ein leicht manipulierbarer Mensch, der keine wirkliche Stärke hatte, weil sein Geist gespalten war.“), der sein eigenes Ich nie richtig fand. Eine Einstellung, die richtig sein mag und auch von May Pang (in „Loving John“) geteilt wird: „… betrauerte ich (…) einen Mann, der von zu vielen Ängsten geplagt worden war, um jemals richtig erwachsen zu werden.“ Doch Goldman ist derart besessen davon, uns immer wieder mitzuteilen, wie hilflos sich Lennon doch durchs Leben hangelte, dass bei jedem aufgeweckten Leser sofort Misstrauen entstehen muss: Könnte es sein, dass sich der Biograph von einer Art Neid (Was macht eigentlich das Genie aus? Warum bin ich selbst keins?) oder Rechthaberei getrieben durch seine hochbrisant enthüllenden Zeilen schindet?

Was des Professors Biographie an manchen Stellen schier unerträglich macht, ist der dozentenhaft-zeigefingerische Anspruch, mit dem Goldman dem Helden der Geschichte ständig den richtigen Lebensweg zuzurufen und gleichzeitig ohnmächtig zuzusehen scheint, wie dieser immer wieder Dummheiten macht: „… So trieb er zu Beginn des neuen Jahres ohne Kompaß und ohne Ruder mitten im Meer, bis er unter den Einfluss des nächsten, noch gefährlicheren Hais geriet – der zweite böse Geist.“ Wäre doch er, Goldman, damals neben ihm gestanden! Die Rockgeschichte sähe heute sicher anders aus.

Der „noch gefährlichere Hai“, das ist Harry Nilsson, von Goldman „Harry der Hai“ (Kapitelüberschrift) getauft, der Lennon in einen Sumpf von Brandy und Rowdytum zieht. Ohnmächtig muss der Leser zusehen, wie sich Lennon mit dem neuen Kumpel einen Eklat nach dem anderen leistet, und Goldman trompetet dazu besserwisserisch: „Der wahre John Lennon war immer so wahr wie seine neueste blinde Leidenschaft und stets ein Mensch, der sich leicht verführen ließ.“ Schon vorher wusste uns der chronisch-notorische Biograph aller Lennon-Exzesse mit (ohnehin längst bekannten) Stories wie der zu entzücken, wie John Lennon aus dem Troubadour-Nachtclub hinausgeworfen wird. Vorher hatte er sich in alkoholbeschwingtem Entzücken auf der Damentoilette eine Monatsbinde auf die Stirn geklebt. Der Rest liest sich, z.B. in „Rock’n’Roll Babylon“ von Gary Herman, so:
‚Do you know who I am?‘ said Lennon to a waitress while he was wearing a Kotex on his head. ‚Yeh‘, she said, ‚you’re an asshole wearing a Kotex on your head‘.

Wenig später saß der große Lennon vor der Tür, weil er die laufende Show immer wieder mit obszönen Bemerkungen gestört hatte.
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John Lennon 1974 mit Bianca Jagger. Rechts seine zeitweilige Geliebte May Pang.

Bis zur totalen Ermüdung kann man Anekdoten dieser und ähnlicher Art bei Goldman nachlesen. Sie alle haben nur einen Zweck: immer wieder nachdrücklich auf den ach so morbiden, selbstzerstörerischen, hochneurotischen und suizidalen Aspekt (… war Mörder Chapman nicht beinahe bestellt?! Goldman suggeriert es.) des Lennon’schen Lebens hinzuweisen. Pausenlos schreit es einem aus dem dicken Wälzer entgegen: Lennon war schwul! Ein Frauenhasser! Ein Junkie! Ein Schläger! Vielleicht gar ein Mörder!

Solch opulente Sensationshascherei hat offenbar Methode. Auch Alfred Hitchcock musste es sich schon posthum gefallen lassen, dass ihm in „The Dark Side Of Genius“ die Hosen heruntergelassen wurden. Offensichtlich besteht auf dem Markt große Nachfrage nach Vermenschlichung allzu mythischer Gestalten: Im Zeitalter der Fünfminutenstars ist kein Platz mehr für Legenden. Doch Goldman übertreibt. Er reduziert den komplexen und widersprüchlichen Charakter des Oberbeatle auf das Seelenprofil eines Zwangsneurotikers und den Erfolg der Beatles auf die geschmacklose Formel: „… vier kleine Dildos, mit deren Hilfe ihre aufgestachelte Zuhörerschaft zum Höhepunkt gelangte.“

Albert Goldmans besonderer Hass gilt Yoko Ono. Sie stellt er als geltungssüchtige Stümperin dar, die nur Pfusch zustande bringt. Dem Kapitel mit Lennons Ermordung lässt er eines folgen, das er „Die Stunde der Hexe“ betitelt.

Goldman hat, das muss man ihm lassen, aus der Auswertung von über 1200 Gesprächen und Interviews eine Fülle von Informationen über Lennon zusammengetragen und kann auch flott und stilistisch unaufdringlich erzählen. Doch sobald er zu interpretieren, zu deuteln und zu dozieren beginnt, sträuben sich einem die Haare.
Albert Goldman: John Lennon – Ein Leben

1989, Wunderlich-Verlag (gebunden, 968 Seiten)
1992, Rowohlt (broschiert, 956 Seiten)

2 Gedanken zu „Albert Goldman: John Lennon – Ein Leben

  1. Gegenfrage: Kann es sein, dass der Rezensent, möglicherweise selbst eingefleischter Beatles-Fan, mit dem Versuch einer neutralen Charakteristik des Phänomens Lennon nicht klarkommt?

    >>Kann man ihn dort nicht einfach in Frieden ruhen lassen?>Anscheinend nicht.>pedantische Akribie erscheint, ist in seinem umfassenden Mosaik mit all seinen unterschiedlichen Parametern das Gütesiegel einer gewissenhaften biographischen Dokumentation, die nun mal Fakten beim Namen zu nennen hat. Schönrednerische Traktate mögen in klerikale Rahmen passen, nicht aber in solche, wo es um ein zu analysierendes Stück Musikgeschichte geht. Die sich daraus ergebenden Interpretationen liefern ein Fazit, - ob das dem Leser nun passt oder nicht. In diesem Zusammenhang sei auch darauf hingewiesen, dass es absolut neutrale Biographien nicht gibt, ebenso wenig wie zu 100% aufrichtige Autobiographien. Biographien sollten immer als Annäherungen an Objektivität verstanden werden, der Spielraum zwischen diesen Versuchen und den Grenzwerten des faktisch Belegbaren kann als Wertmaßstab einer solchen Publikation betrachtet werden. Und ganz besonders dann, wenn es sich bei dem Subjekt der Analysen um einen hochgradig gestörten Menschen handelt, dessen Psyche kaum dazu angetan ist, den vordergründigen Seelenfrieden des Lesers auch nur metaphorisch zu befriedigen. Es ist eine große Leistung des Autors, dieser Verlockung widerstanden zu haben.

  2. Hallo Cluster, danke für Deine Kritik an meiner Kritik. Sicherlich hat Goldman mit seiner Lennon-Biographie eine großartige Leistung vollbracht, die ich auch nicht schmälern will. Eine gewisse Subjektivität und Einseitigkeit muss er sich meiner Meinung nach dennoch vorwerfen lassen, ungeachtet der Tatsache, dass es – wie Du richtig bemerkst – absolut neutrale Biographien nicht geben kann. Möglicherweise bin ich mit Goldman an diesen Stellen etwas harsch ins Gericht gegangen, prinzipiell bleibe ich aber bei meiner Meinung, dass er sich zu oft mit Wertungen in den Vordergrund stellt, anstatt diese dem Leser zu überlassen. Was die Fakten angeht, halte ich Goldmans Biographie aber ebenfalls für authentisch und in hohem Maße für verdienstvoll.

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